Christoph Seipp mit einer der Koltern aus seiner Produktion. Foto: Tilman LochmüllerChristoph Seipp ist kein Typ, von dem man annehmen kann, dass er der Heimattümelei nahesteht. Keiner, der die Deutschlandfahne oder vielleicht eine Hessen-Fahne im Garten hängen hat, und Sätze sagt, wie „Nirgendwo ist es schöner als zuhause“. Oder vielleicht doch. Jedenfalls wirkt der gebürtige Licher eher wie ein Student, der in Berlin auch mit einem Latte Machiatto am Potsdamer Platz sitzen und über den nächsten Internet-Hype nachdenken könnte. Oder darüber, wie schön es wäre, in Kalifornien zu studieren. Doch Seipp hat zuletzt nicht über den letzten Internet-Hype nachgedacht und auch nicht über das Silicon Valley, sondern über seine hessische Heimat. Zumindest über das, was typisch für sie ist. Und dabei kam interessanterweise eine Wolldecke heraus.

Keine gewöhnliche Wolldecke wie es sie auch bei Ikea zu kaufen gibt, sondern eine aus gutem Material mit eingewebten Motiven aus der Region – zum Beispiel Stadt-Silhouetten oder bekannte hessische Ikonen. Einige wissen es noch, in Hessen nennt sich so etwas „Kolter“ – ob mit oder ohne Motive. Und daher hat Seipp nun eine Mission: Er möchte, dass wer Wolldecke meint, künftig wieder Kolter sagt. Vor drei Jahren besorgte er sich das Startkapital für ein Unternehmen, das Kolter produzieren und an die Hessin und den Hessen bringen soll. Die Investoren sammelte er per Crowdfunding. Das funktioniert nicht nur im Silicon Valley gut, sondern auch in Mittelhessen.

„Es geht uns um ein Stück Heimat für zu Hause“, sagt Seipp während er in der Bäckerei Siebenkorn am Gießener Ludwigsplatz seinen Kaffee trinkt. Er habe Menschen gefragt, was „Kolter“ für sie bedeutet. Das Ergebnis floss nur teilweise in sein Produkt ein, denn neben „hält warm“ und „Schurwolle“ sagten einige wohl auch „kratzig“ – und das sollten die Decken aus dem Hause „Kolter“ nun nicht sein. Man entschied sich für ein gutes Material, „nicht die Premium-Luxus-Schiene“, denn die Kolter soll ja auch bezahlbar sein, sondern eine Qualität, die man wohl gediegen nennen könnte.

„Die Motive entwerfen wir alle selbst“, sagt der Unternehmer. Eine Künstlerin hat demnach 40 Städte in Hessen mit ihren Landmarken gezeichnet; auch in einen Umriss von Hessen kann man sich einwickeln. Ab einer Bestellung von 40 Stück können Kunden auch ihre eigenen Designs zuliefern, „das ist vor allem für Firmen interessant“. Ein Safthersteller und ein Fußballverein haben so schon ihre individuellen Koltern bekommen.

Einer Tageszeitung hat Seipp übrigens vor kurzem auch erzählt, was er persönlich mit dem Begriff Heimat verbindet. „Budchen bauen auf der Streuobstwiese“, sagte er mit Referenz auf eine Kindheitserinnerung. Und die Comedy-Truppe Badesalz. Dabei kann er auch dem hessischen Dialekt einiges abgewinnen, „der ist so pragmatisch, bodenständig“, sagte er den Journalisten. Und so war auch gleich eine weitere Idee geboren. Ein neues Hessenlied soll her, dachte sich Seipp. Ein Lied mit dieser Bezeichnung gibt es zwar schon - zuletzt in einer Textfassung von 1950. Sogar der Hessische Rundfunk hatte davon mal eine Pop-Version aufgenommen. Wirklich populär wurde das Stück mit Ursprung in wilhelminischen Zeiten aber nicht. Warum also keine aktuelle Neufassung versuchen?

Und hier hat die Regionalmanagement Mittelhessen (RMG) wohl inspirierend gewirkt. Um zur mittelhessischen Identitätsbildung beizutragen hat der Poetry-Slammer Lars Ruppel ein Gedicht geschrieben, dass der mittelhessische Fotograf Marco Kessler für die RMG verfilmt hat. „Das Video habe ich gesehen, so etwas wollte ich auch“, sagt Seipp. Er entschied sich, gemeinsam mit Ruppel einen Workshop zu organisieren, Kernthema: die „Liebe zu Hessen“. Schließlich gibt es neben Kolter noch viele andere hessische Wörter, die es verdienen, wieder benutzt zu werden. 15 Leute haben dann an einem Sonntag „kräftigt gedichtet“. Das Ergebnis befindet sich nun in der Nachbearbeitung, wie Seipp erzählt. „Da wird noch ein bisschen Zeit ins Land gehen.“ Es ist aufwändig, die gewonnenen Sätze rhythmisch in Einklang zu bringen. Vielleicht werde es auch ein „Community-Projekt“, sagte der Jung-Unternehmer. Hessische Crowd-Poetry sozusagen.