Co-Working-Spaces liegen im Trend, vor allem in den größeren Städten. Und sie werden gebraucht: Unternehmen übertragen immer mehr Aufgaben an Freiberufler und Startups haben Bedarf an günstigen Büroräumen, die das Budget nicht belasten. In den ländlichen Regionen Mittelhessens ist Co-Working allerdings vielerorts noch unbekannt. Der Breitbandausbau in der Fläche eröffnet mittlerweile aber gute Vorrausetzungen für Freelancer und Entrepreneure, die niedrigeren Lebenserhaltungskosten und bessere Lebensqualität außerhalb der Metropolregionen für sich zu nutzen. Klar, dass der Bedarf an flexiblen Arbeitsflächen auch hier steigen wird. Einer der Anbieter ist das Gründerzentrum Westerwald, vor vier Jahren eingerichtet vom Verein Zukunftsforum Mengerskirchen.

Die 6000-Einwohner-Gemeinde Mengerskirchen im Norden des Landkreises Limburg-Weilburg liegt mit seinen fünf Ortsteilen zwar etwas abseits, aber trotzdem mittendrin: Nach Limburg und Wetzlar dauert die Autofahrt jeweils knapp 30 Minuten, etwas schneller gelangt man auf die A45 im Nord-Osten oder die A3 im Süd-Westen. „Es ist halt ein bisschen weiter“, sagt Elke Anzion, die die Einrichtung seit Anfang des Jahres leitet. Aber: Auf 150 Quadratmetern bietet das Gründerzentrum zwölf Arbeitsplätze und ansonsten alles, was Freiberufler, aber auch kleinere Teams für den Anfang benötigen: Whiteboard-beschichtete Wände, Aktenschränke, Konferenzflächen – aber auch die obligatorischen Kaffee-Treffs mit Espresso-Maschine. Doch dabei belassen es die Betreiber nicht: „Im Gebäude vermieten ein Anbieter auch weitere Flächen“, sagt Jost. „Das ergänzt sich ganz gut.“ Wer dem Co-Working entwachse, „dem kann auch später was geboten werden“, sagt Anzion.

Auf dem Gelände gibt es auch mehrere Unternehmen; Networking ist angesagt. Die Startup-Szene, wie sie sich in den Städten mit Formaten wie dem Startup-Weekend Mittelhessen oder dem Webmontag Gießen manifestiert, ist noch nicht wirklich auf dem Land angekommen, „da sind wir selber noch im Aufbau“, wie Anzion zugibt. Aber die Gründerzentrum-Leiterin sieht klar die Perspektiven: „Wir können uns gegenseitig unterstützen.“ Kontakte gibt es beispielsweise zwischen dem Gründerberater Werner Spies und dem Technologie- und Innovationsforum Gießen (TIG). Spies bietet den Gründern in Mengerskirchen seine Dienstleistung mit Hilfe des Vereins Wirtschaftspaten kostenlos an. An dem überörtlichen Netzwerk wird gebaut, dazu gehören auch Workshop-Veranstaltungen, wie sie mittlerweile in der Szene verbreitet sind. Elke Anzion hat den Verein Zukunftsforum Mengerskirchen mitgegründet und engagierte sich im Vorstand; nach dem Ende ihrer Elternzeit hat die Diplom-Kauffrau die hauptberufliche Leitung des Gründerzentrums von Miriam Jost übernommen, die nun in Teilzeit die Mieter betreut.

„Meine Aufgabe ist es auch, an Veranstaltungen teilzunehmen, Kontakte aufzubauen und Möglichkeiten für die Gründer auszuloten“, sagt Anzion, die selbst aus dem Westerwald stammt. „Wir wollen die Gründer auf Angebote aufmerksam machen.“ Es mangele nicht an Idee, aber „wir sind im vergangenen Jahr etwas an unsere Grenzen gekommen“, sagt die 40-Jährige. Mittlerweile gibt es einiges an ehrenamtliche Unterstützung, auch für die Netzwerkarbeit. „Auf solche Angebote und die Erfahrungen unserer Ehrenamtlichen und Teilzeitkräfte sind wir auch weiter angewiesen.“ Seit vergangenem Frühjahr veranstaltet das Gründerzentrum zum Beispiel dank dieser Hilfe den „Meet-Woch“, einen Stammtisch, bei dem sich Gründer untereinander und mit bestehenden Unternehmen austauschen können.

Gut für die Vermarktung des Co-Working-Spaces ist auch die Tatsache, dass es für Gründer, die ihr Gewerbe in Mengerskirchen angemeldet haben, in den ersten 12 Monaten einen gestaffelten Rabatt auf die Büro-Miete gibt: In den ersten drei Monaten fängt der bei der Hälfte der 125 Euro Miete an, in den folgenden neun Monaten gibt es 25 Prozent. Grundsätzlich können aber alle, die einen Schreibtisch zum Arbeiten brauchen, ins Gründerzentrum kommen – zum Beispiel auch Festangestellte, die einen externen Arbeitsplatz nicht weit vom Heim brauchen. Anzion wirbt dabei übrigens besonders um Mütter; die Kita liegt direkt vor der Tür des Gründerzentrums, die Grundschule ist 300 Meter entfernt – „ideale Bedingungen“. Im Team des Gründerzentrums „sind alle Mütter“, fügt sie hinzu. Ideal fand den Standort auch eine taiwanesische Firma, die sich Mengerskirchen und das Gründerzentrum als zentral gelegenen Standort in Europa ausgesucht hat. Das Unternehmen beschäftigt sich mit autonomem Fahren und hat in Asien damit einen erheblichen Marktanteil. Und: Auch der Geschäftsführer mit seiner Familie hat künftig seinen Lebensmittelpunkt in dem kleinen Ort im Herzen Mittelhessens.

Alle Fotos: Gründerzentrum Westerwald

Weitere Informationen Mengerskirchen und dem Gründerzentrum in einem Beitrag des hessischen Rundfunks vom 12.3.29 hier: https://www.ardmediathek.de/hr/player/Y3JpZDovL2hyLW9ubGluZS80ODYyNw/