Michael Volkwein, Achim Schönberger und Tim Schönwetter auf der Stollensole der Grube Fortuna im Gespräch.Nordwestlich von Wetzlar, annährend zehn Autominuten vom alten Eisengießer-Standort an der Lahn entfernt, befindet sich eines der interessantesten Kleinodien mittelhessischer Industriekultur: die Grube Fortuna – eines der wenigen alten Bergwerke in Deutschland, in die Besucher noch durch den Schacht einfahren können. Dabei begeben sie sich auf eine Zeitreise in eine Epoche, in der die heimische Wirtschaft von Bergleuten in ihren rotgefärbten Kluften geprägt wurde, eine Zeit, in der das Fundament für die ökonomische Struktur Mittelhessen gelegt wurde. Und es ist das einzige Besucherbergwerk in der Bundesrepublik, das noch über ein funktionierendes Seilscheibenhaus verfügt. Doch was genau ist ein Seilscheibenhaus?

Tim Schönwetter zeigt uns, was es mit dem Begriff aus der Bergwerks-Sprache auf sich hat. „Jeder verbindet Bergbau mit Fördergerüsten oder Fördertürmen. Doch den konnte man sich auf der Fortuna auf Grund der Topographie einfach sparen. Unsere Umlenkrolle für das Förderseil steht auf dem Boden in eben jenem Seilscheibenhaus.“ Schönwetter ist Historiker, Denkmalpfleger und Vorstandsmitglied im Geowelt Fortuna e.V., dem Verein, der das Industriedenkmal behütet. Nur wenige Meter daneben befindet sich das Maschinenhaus. Dort steht eine mehrere Meter im Umfang messende Trommel, um die sich ein dickes Stahlseil wickelt – nicht unweit des Zugangs zur Grube auf einem Hügel: „Das ist unsere Fördermaschine, mit der wir heute unsere Besucher in das Bergwerk fahren“, beschreibt er die imposante Anlage. „Wir sind eines der wenigen deutschen Besucherbergwerke, die einen Schachtbetrieb haben, eine Schachtfahrung.“ Mit der Trommel wurden früher die Förderkörbe bewegt und wird heute der Korb für die die Gäste der Grube betrieben, der die Besucher durch den Schacht in 150 Metern Tiefe fährt.

Video: Interview auf der Stollensole der Grube Fortuna

Zu Betriebszeiten des Bergwerks konnte die Maschine Material aus einer Tiefe von 250 Metern transportieren, erzählt Schönwetter. Diese Zeiten sind seit 1983 vorbei, in jenem Jahr endete der Bergbau in der altgedienten Zeche zwischen Oberbiel und Berghausen. Was heute zu sehen ist und teilweise von den engagierten Mitarbeitern der Grube Fortuna sogar im Betrieb gezeigt wird, gibt diesen letzten Stand einer Industrie wieder, die auf eine über 2500-jährige Geschichte von Bergbau und Eisenverhüttung in Mittelhessen zurückblicken kann. „Über 150 Jahre dieser Geschichte live am Ort des Geschehens können wir nur hier auf der Fortuna zeigen“, sagt Schönwetter und dem Zuhörer wird deutlich, dass Herzblut in dieser Aussage steckt.

Etwas später steht der Historiker mit seinen Mitstreitern vom Vorstand des Vereins Geowelt Fortuna, Dipl.-Geogr. Michael Volkwein und Dipl.-Ing. Achim Schönberger, an dem Punkt, an dem Besucher ihre vertikale Reise in den Schacht der Grube beginnen. Wir haben einen kurzen Spaziergang hinter uns, geschützt mit warmen Jacken und Helmen; wir sind in der Stollensole beim Einstieg zum Förderkorb, „wo das große Bergbau-Abenteuer beginnt“, wie Volkwein mit einem Lächeln sagt. Es riecht nach Metall und Erde, die abgegriffenen Schalter und Griffe deuten in eine Zeit, in der Technik noch einfach und robust war. Hier sind es konstant 13 Grad – im Sommer wie im Winter. „Das ist der Ground Zero der wirtschaftlichen Entwicklung, die in den vergangenen Jahrhunderten hier stattgefunden hat.“ Hier kann man das an der Wurzel erleben. „Darum sind wir so bedeutsam“, sagt Volkwein.

Die Untertage-Anlagen sind nur ein Teil dieses Erlebnisses: Es gibt ein Zechenhaus mit Kaue (https://de.wikipedia.org/wiki/Kaue) und Bergbau-Museum. „Wir haben einen Erzbunker, einen geheimnisvollen, und ein Feld- und Grubenbahn-Museum“, sagt Volkwein. „Wir sind ein aktives Bergwerk, ein echtes Bergwerk.“ Ein Restaurant mit Biergarten und Spielplatz runden das Bild ab. Echten Bergbau erlebt, wer tatsächlich in den Berg einfährt: „Es wird zwar kein Erz mehr gefördert, aber alle Einrichtungen sind wie zu Originalzeiten noch vorhanden“, sagt Achim Schönberger. Nach der Reise in die Tiefe mit dem Korb gibt es eine Passage mit der Grubenbahn, gezogen von Original-Loks. Die Bergbau-Maschinen aus der Zeit von 1900 bis in die 70er können dabei größtenteils live erlebt werden – inklusive des „speziellen Lärm, den die erzeugen“.

Den ultimativen Einblick bekommen Besucher auf einer „Event-Führung“, wie Schönberger beschreibt: „Man kann dann zum Beispiel von der 150-Meter-Sole bis zur 100-Meter-Sole fahren. Allerdings zu Fuß. Denn der Bergmann spricht auch von fahren, wenn er eigentlich läuft. Man kommt an verschiedenen Stationen vorbei, sieht die alten Abbaue, sodass man auch einen Eindruck von der Größe der untertägigen Hohlräume gewinnen kann.“ Über das so genannte Wetterüberhauen, also einen vertikalen Belüftungs-Schacht, geht es dann wieder Übertage – mit Hilfe einer über 100 Meter langen Leiter-Strecke. Dazu sagen die Bergleute Fahrten. Ein Spaziergang zurück zum Grubeneingang schließt die annährend fünf Stunden lange Event-Tour ab.

Zurück zum Maschinenhaus: Events könnte es künftig auch an einer anderen Stelle des Fortuna-Komplexes geben – wenn es nach dem Willen von Schönwetter, Volkwein und Schönberger geht. Nicht weit vom eingangs beschriebenen Fördermaschinen-Gebäude aus den 50er-Jahren steht auf dem oberen Zechenplatz noch das alte Maschinenhaus, 1908 gebaut von der Firma Friedrich Krupp – ein „Kleinod des mittelhessischen Bergbaus“ wie es Tim Schönwetter nennt. Gemeinsam mit Volkwein und Schönberger steigen wir vorbei an alten Maschinen, auf denen der Staub und Schutt der vergangenen Jahrzehnte liegt. Hier könnte es künftig ein weiteres Museum und eine Veranstaltungshalle geben, vielleicht sogar „Sonderausstellungen in einem Museum von internationalem Rang“, hofft Volkwein.

Video: Am neuen und alten Maschinenhaus der Grube Fortuna

Das Maschinenhaus aus Krupps Zeiten wiederherzustellen ist für ihn „die größte Aufgabe für die Zukunft“; auf mindestens 1,3 Millionen Euro schätzt er die Kosten für dieses Unterfangen – inklusive Restaurierung des alten Bodenbelags von Villeroy & Boch. Dass sich diese Summe nicht mit Eintrittsgeldern erwirtschaften lässt, ist den Verantwortlichen des Trägervereins der Grube Fortuna klar. „Unser Besucherbergwerk ist zum Teil kommunal finanziert, zum Teil natürlich über das, was wir selbst erwirtschaften“, sagt Schönwetter. Die öffentliche Hand kommt nur für etwa 50 Prozent der Kosten auf. Alles weitere muss über den eigenen Umsatz und Spenden finanziert werden. Mögliche Sponsoren für das Projekt könnten auch aus der mittelhessischen Wirtschaft kommen. Denn: Viele Unternehmen hätten schließlich ihre Wurzeln im Bergbau, seien sogar selbst Bergwerksbesitzer gewesen, wie der Historiker betont.

So würde sich der Kreis schließen, der die Grube Fortuna als Informations- und Dokumentationszentrum für den hessischen Eisenerzbergbau und Geoinformationszentrum des Geoparks Westerwald-Lahn-Taunus nicht nur über die Bewahrung des Bergwerks, sondern auch durch ihr umfangreiches Archiv von annäherend 30 Regalmetern Akten, Plänen und Büchern zum „wirtschaftlichen Gedächtnis der Region“ macht.

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Gesucht: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter Tage

Die Betreiber der Grube Fortuna bewahren nicht nur eine historisch wertvolle Industrieanlage, sondern auch eine Reihe von Jobs, die rar in Mittelhessen geworden sind: „Wir haben hier den einzigen Fördermaschinisten in ganz Mittelhessen“, sagt Volkwein. Unter den Bergwerksführern gibt es noch Original-Bergleute, aber auch viele Quereinsteiger. Und es werden neue Leute gesucht: „Das kann jeder machen, der sich dazu berufen fühlt, wir bilden gerne auch Bergwerksführerinnen aus, übrigens“, betont der Diplom-Geograf. „Wer Lust hat, soll sich bitte melden. Wir suchen Bergwerksführer und das kann jeder – bestimmt!“


Wie der mittelhessische Bergbau zum Wegbereiter für den regionalen Tourismus wurde – im wahrsten Sinne des Wortes

Bereits vor 2500 Jahren war die Lage Mittelhessen günstig zwischen den Industriestandorten in Rhein-Main und Rhein-Ruhr. Viele der damals für den Bergbau geschaffenen alten Verkehrswege dienen heute als Radwanderwege, wie Michael Volkwein erzählt. Und auch den Lahn-Tourismus gäbe es ohne die Montan-Industrie wohl so nicht: „Ohne den Eisenerzbergbau, für den der Fluss so hergerichtet worden ist, wie er heute ist, wäre die Lahn nicht der Wasserwanderfluss Nummer 1 in Deutschland.“